
AROUND THE WORLD
since 1985 net since 1997
Raimund Stecker (Düsseldorf, Germany)
«Um die Erde gejagt»
Published 1991, August 12th in newspaper Frankfurter Allgemeine Zeitung, No. 185, Page 24 (Frankfurt, Germany)
Um die Erde gejagt
Ein neues Kommunikationsnetz unter Künstlern
Die Reise dritter Klasse, das Übernachten bei ihm oder bei Kurt Schwitters und außerdem "zwei Losanteile à 15Mark für die Bildversorgung": das konnte 1928 Carl Buchheister dem Fotografen Renger-Patzsch bieten, damit dieser in Hannover einen Vortrag halte. Auch in den sechziger Jahren noch begnügten sich Fluxus-Künstler mit der günstigsten Übernachtungsmöglichkeit. Wichtiger als der Salon-Pomp, der heutzutage über der Kunstszene schwebt, war eben die Kommunikation, das Sich-Treffen und Sich-Austauschen.
Doch schaut man heute auf die Nebenpfade des Königsweges von Kunst und Erfolg, so hat sich das Bild kaum geändert.
Der Kommunikationsdrang ist hier und heute weiterhin viel stärker ausgeprägt als das Erstreben schnellen, sich direkt und bar auszahlenden Erfolges. Er potenziert sich noch, da man sich nicht mehr mit regionalen und nationalen Kontakten begnügt. Eine weltweite Vernetzung, "ein Medium weltweiten Kontaktes, das die Distanzen verkürzt", wird organisiert. Das ist das Ziel von "A.T.W.", was bedeutet "Around The World". Es ist ein Kommunikationsnetz von mehr als einhundert Künstlern, Archäologen, Architekten, Wissenschaftlern, Dichtern, Musikern, Ingenieuren, Kunstschriftstellern und -interessenten
aus über zwanzig Ländern in fünf Kontinenten. In London sitzen die Künstler Dick Jewell und Tina Keane, in New York Peter Fend, in Rom Vittorio Messina, in Rio de Janeiro Vitória Sant'Ana und Luis Alberto García de Zuniga, in Bombay Shankar Mishra, in Sibenik Ivo Decovic, in Paris Manuel Franke, in Uppsala Penja Anderssen, in Tokio Mitsuo Hayashi und in Düsseldorf, unter vielen anderen, der Initiator Jårg Geismar. Die Aufgezählten sind nur wenige aus dem weltumgreifenden Netz, die ständig per Telefax in Kommunikation stehen und durch eine Zeitschrift, der "A.T.W.-press", verbunden sind. "Transkontinentale, kulturübergreifende Kommunikation auf verschiedenen Ebenen" ist die erklärte Absicht, um den weltweiten "politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Krisen und Entwicklungen" künstlerisch entgegnen zu können.
In Marl, der im nördlichen Ruhrgebiet gelegenen Mini-Megapole im Stile des städteplanerischen Brutalismus, stellt sich die Gruppe nach ersten Stationen in Quebec, New York, Rio de Janeiro und Montevideo mit einer Ausstellung vor, die nicht visuell, wohl aber konzeptionell überzeugt.
Vergrößerte Kopien von Fax-Ausdrucken sind an den Wänden des Museums, des "Glaskastens", präsentiert. Das Telefax-Gerät stand zur Eröffnung nicht still, um all die Grüße der Assoziierten in Empfang zu nehmen, die wohl zum ersten Mal in ihrem Leben von der Existenz dieser Kleinstadt hörten, aber auch, um neue Ideenskizzen zu veröffentlichen. Entwürfe für neue Kunstwerke werden per Draht um die Erde gejagt. Sie begnügen sich nicht mit einem hermetischen Werkcharakter. Das kommunikative Moment, der Drang, sich weltweit auszutauschen, ist nahezu allen übermittelten Fax-Werken eigen.
Spielerisch, im Freiraum des l'art pour l'art entsteht hier seit 1985 eine Kommunikationswelt unter Gleichgesinnten, die keine Entfernungen mehr kennt. Einladungen, wie sie Carl Buchheister an Renger-Patzsch aussprach, werden dadurch nicht unnötig. Doch Ideen, die heute erdacht und schon morgen weltweit weitergedacht werden sollen, die sofort publiziert werden müssen, um sie zum Beispiel auch vor Plagiaten zu schützen, bedürfen eines anderen Systems als des Dialogs. In diese breite Schneise unserer Kommunikationsgesellschaft sticht "A.T.W.", um auch künstlerische Ideen weltweit zur Diskussion zu stellen.
Raimund Stecker
Skulpturenmuseum Glaskasten bis zum 25. August. geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Der Katalog kostet 10 Mark.
Copyright © 1991 Frankfurter Allgemeine Zeitung, Germany, ATW and the authors.
email geismar@ATW.org